Meine erste Woche Homeschooling als Lehrling

Ich habe im letzten Sommer meine Lehre als Mediamatiker EFZ beim Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) begonnen und besuche das Basislehrjahr im Berufsbildungscenter in Bern. Meine Wochen liefen bisher immer gleich gestaffelt ab: Montag und Dienstag Schule im BBZ in Biel, Mittwoch bis Freitag Basislehrjahr im Berufsbildungscenter in Bern.

Wie alles begann

Das Coronavirus war unter uns Schüler schon lange ein Thema und zu Beginn wussten wir nicht, wie wir das alles einordnen sollen. Wir stellten uns mehrmals die Fragen “Betrifft es die Schweiz?“, “Betrifft es uns?”. Nach vielen Witzen und Memes, die wir im Klassenchat hin- und herschickten, bemerkten wir, wie das Thema Coronavirus auch in den Schweizer-Medien mehr und mehr Präsenz bekam. Wir hätten aber nie gedacht, dass wir in solche Lage kommen, in der wir uns zurzeit befinden. Homeoffice? Homeschooling? Das kannten wir nicht oder allerhöchstens vom Namen oder aus Gesprächen mit unseren Eltern. Viele von uns vergassen das Thema und lebten ihr Leben weiter wie zuvor. Schule, Lehre, Sport, Partys - alles lief weiter wie bisher. Viele wussten wohl auch nicht, was sie von diesem Coronavirus-Hype halten sollten. Ist der Virus wirklich so gefährlich oder wird dies von den Medien nur hoch gehypt, um mehr Aufmerksamkeit und Klicks zu erhalten?

Es geht los

Als wir dann plötzlich die Nachricht erhielten, dass wir ab der nächsten Woche eine Stunde später zum Unterricht erscheinen sollen und eine Stunde früher gehen durften, machte sich Freude in mir bereit. Eine Stunde länger schlafen und am Abend eine Stunde mehr Zeit, um meinen Freizeitaktivitäten nachzugehen, was gibt es besseres? Soweit kam es aber erst gar nicht. Als sich dann am Donnerstag die Gerüchte verbreiteten, dass der Bundesrat am nächsten Tag die Schliessung der Schulen kommunizieren würde, hielt ich das zuerst alles für ein Gerücht, da sich dies in der Vergangenheit bereits mehrmals als Fake News in den sozialen Medien herausgestellt hat. Trotzdem war ich neugierig und wollte die Präsentation des Bundesrats auf keinen Fall verpassen. Gespannt wartete ich in der Schule auf den Start des Livestreams der Medienkonferenz, welcher sich aber kontinuierlich nach hinten verschob. Dies führte dazu, dass sich bei mir und meinem Freundeskreis dann doch der Gedanke einschlich, dass der Bund etwas Grösseres zu verkünden hat. Als wir mit dem Start der Medienkonferenz von unseren Coaches die Information erhielten, dass ab Mitternacht alle Schulen schweizweit geschlossen werden, war ich ziemlich geschockt.

Fertig Schule wie bisher

Viele Fragen schwirrten in meinem Kopf herum und ich fragte mich, wie wir das nun handhaben werden. Nach dieser Nachricht sass ich vor meinem PC und schickte ich mir zuerst mal alles nach Hause, was ich dachte, zu Hause brauchen zu können. Mit einer gewissen Unwissenheit und einer langen Umarmung oder einem Handschlag verabschiedete ich mich von meinen Kollegen. Mit denen, die mit mir auf den Zug liefen, hatte ich noch einige Diskussionen. Wie soll das Ganze nun ablaufen? War dies nun der vorerst letzte Tag in unserem Basislehrjahr in Bern gewesen? Im Zug herrschte bei mir eine gewisse Leere. Wie soll ich das als 16-jähriger einordnen? Wie gehen meine Freunde damit um? Was ich vielleicht noch anfügen muss - Freude herrschte bei niemandem, einzig Ungewissheit, Neugierde und eine Unklarheit, wie man sich fühlen sollte.

Mit dem Gedanken “Vielleicht kommt bald der komplette Lockdown”, entschieden wir uns unter Freunden, uns nochmals zutreffen. Wir machten einen gemütlichen Abend vor dem Feuer. Wir brätelten und stiessen mit 1-2 Bier auf unser vielleicht letztes Treffen an und versuchten das Coronavirus so gut wie möglich auszublenden.

Homeschooling beginnt

Am Montag startet also dieser Tag der Unwissenheit. Frisch, munter und ausgeschlafen startet ich am Montagmorgen mein Apple MacBook und loggte mich in Moodle ein. Wir erhielten am Sonntagabend die Information, dass wir uns zu Unterrichtsbeginn in Moodle einloggen und unter dem entsprechenden Fach in BigBlueButton einklicken sollten. Zudem entschieden unsere Jungs aus der Klasse einen Discord Server einzurichten, auf dem wir während dem ganzen Tag miteinander verbunden sind. Ich klickte auf den Link von BigBlueButton und sah meine Klassenkameraden und meine Lehrkraft in einem kleinen Fenster. Mit kleineren Schwierigkeiten, da sich nicht alle gleich verbinden konnten, starteten wir in die erste Lektion des Tages. Ohne Probleme konnten wir mit der Lehrkraft sprechen und sie konnte parallel dazu ihre Präsentation abhalten. Uns wurde mitgeteilt, dass wir uns nach der Mittagspause in Teams einloggen sollen und unser Lehrer dort mit einem Auftrag auf uns wartet. Wir loggen uns also in Microsoft Teams ein und bemerkten schnell, das Microsoft Teams ziemlich überlastet war. Weder Kamera noch Mikrofon konnte man ein- oder ausschalten. Unseren Lehrer hörten und sahen wir, was für diesen ersten Tag dann doch das Wichtigste war.

Am Mittwoch starteten wir in das Homeoffice des Berufsbildungscenter in Bern. Schon bevor der Tag startete, erstellten ich und mein Arbeitskollege einen weiteren Discord Server, in dem wir den ganzen Tag verbunden sein konnten. Vom Berufsbildungscenter erhielten wir die Information, wir sollten uns in Microsoft Teams mit unserer Bbc-ID anmelden. “Nicht schon wieder Microsoft Teams bitte, dachte ich. Na gut, vielleicht wird es heute ja besser funktionieren”. Mit dem Gedanken startete ich das Programm und merkte, dass es nun viel besser lief. Während unsere Coaches uns Einführung in die verschiedenen Programme gaben, merkte ich, dass Microsoft Teams eigentlich doch ziemlich genial sein kann.

Wir machten mit unseren Coaches zudem ab, jeweils ein persönliches Gespräch pro Tag zu führen, damit wir den Kontakt zueinander nicht verlieren und ihnen ein kurzes Feedback geben können. Der Tag verlief ohne grosse Probleme und unsere Coaches verhalfen uns mit ihrer lockeren Art und nicht zu hohen Erwartungen zu einer guten Stimmung, welche den Druck auf uns ein wenig wegnahm. Via Discord blieben wir während dem ganzen Tag in Kontakt und konnten uns bei verschiedenen Problemen helfen, indem wir z.B. für den anderen den Bildschirm übertrugen, via Livecam etwas erklärten oder einfach nur via Sprachchat kommunizierten.

Meine ersten Erfahrungen

Gegenüber dem normalen Arbeiten sehe ich beim Homeoffice einen grossen Vorteil: Der wegfallende Arbeitsweg. Jetzt, wo ich zu Hause arbeiten kann, erspare ich mir den täglichen Arbeitsweg von ungefähr 3 Stunden . Ich bin am Morgen erholt und kann mich viel besser konzentrieren. Mir fällt es leichter, einen Auftrag entgegenzunehmen und auszuführen. Zudem kann ich ab 16:00 selbst entscheiden, wann ich aufhören will zu arbeiten und habe somit die Möglichkeit, nach dem Arbeiten intensiver meinen Hobbys nachzugehen. Der Nachteil ist definitiv der fehlende soziale Kontakt. Dieser fehlt mir nach fünf Tagen schon sehr. Als Mensch, der gerne mit anderen zusammen ist und mit gerne mit anderen zusammenarbeitet, ist dies eine grosse Umstellung, die man nur halbwegs mit dem gemeinsamen Discord Chat wettmachen kann. Auch der direkte Kontakt zu meinen Coaches fehlt mir. Hatte ich bisher bei einem Auftrag ein Problem, dauerte es keine 10 Sekunden und jemand war bei mir und half mir mit meinem Problem weiter. Dies dauert nun aufgrund der aktuellen Umstände deutlich länger, weshalb es mir zum Teil schwer fällt, mich rasch in meinen Auftrag zu vertiefen und zu konzentrieren. Schlussendlich wird wohl beides Vor- und Nachteile mit sich bringen - wir werden es in den nächsten Wochen sehen.

So gehe ich damit um

Mehr und mehr stelle ich mir die Frage, wie die kommenden Wochen für mich aussehen werden. Wie lange dauert es, bis ich an meine Grenze stosse und mein Zimmer einfach nur noch verlassen möchte? Ich setzte es mir zum Ziel, mich so viel wie möglich zu bewegen, an die frische Luft zu gehen, mir mehr Gedanken zu machen, was eigentlich wirklich wichtig ist in meinem Leben. Je länger die Woche ging, desto mehr merkte ich, dass ich eigentlich ohne die ganzen sozialen Medien viel besser leben kann. Diese zu löschen kommt für mich jedoch zur Zeit noch nicht in Frage - zu wichtig ist mir dabei die Verbindungen zu meinen Freunden und meinem Bekanntenkreis. Mehr und mehr überlegte ich, wie ich einen geregelten Tagesablauf hinbekomme. Ich setze mir Ziele, wie über den Mittag für meine Familie zu kochen, mindestens einmal pro Woche joggen zu gehen, sowie Pausen zu machen (wie zum Beispiel einen 10-Minuten-Workout, eine kurze kalte Dusche oder einfach eine kurze Runde in meine Quartier herumzuspazieren). Wie ich die kommenden Wochen wirklich gestalten werde, wird sich zeigen.

Um meine Ziele umzusetzen, braucht es eine sehr hohe Selbstdisziplin, die ich sicher auch mitbringe. Wahrscheinlich werde ich jedoch durch die verschiedenen Situationen, in die ich noch geraten werde, nicht immer diszipliniert sein. Unterstützung werde ich sicher genug erhalten, falls nicht, so werde ich mir diese holen. Ich hoffe, dass ich bald wieder meine Arbeit in Bern und Biel fortsetzen kann.

Noah Windler besucht das erste Lehrjahr beim BAKOM als Mediamatiker EFZ. Vielen Dank noah@windler.ch!

 


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